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Leseprobe „Wolkenglitzer“

Am Tag des Abflugs verabschiedete sich Georg in der Abfertigungshalle liebevoll und sanft. Wie immer holte sein Charme Laura ein und ließ vergessen.
„Du wirst mir fehlen, mein Liebling. Nicht traurig sein. Die paar Tage! Ich freue mich schon heute darauf, wieder bei dir zu sein. Ich liebe dich.“
Er küsste sie zärtlich.
„Ich werde dich vermissen, Georg. Guten Flug! Und komm heil zurück!“
Mit zwiespältigen Gefühlen sah sie dem Flieger nach. Höher und höher stieg er in den blauen Himmel. Er steuerte auf eine Wolke zu, deren heller Rand ihn glitzernd aufnahm, bis ihr dunkler Bauch ihn verschluckte. Trügerischer Wolkenglitzer. Das Flugzeug entfernte sich in einer Art, die nicht in Kilometern zu messen war. Es trug Georg vom Hellen ins Dunkle. Es entstand mehr als messbare Entfernung zwischen ihr und ihm . Während die Erde ihre Füße festhielt, breitete sich die Ferne in ihrem Kopf aus. Es war mehr als ein Abschied. Der finstere Zenit der Wolke griff nach ihr und löste eine merkwürdige Angst aus.
Regelmäßig rief Georg aus Boston an, wie versprochen. Er wirkte gehetzt. Die Gespräche waren kurz, wenn er auch nie versäumte, seine Sehnsucht nach ihr zu beteuern.
Als er ihr nach Kongressende die Ankunftszeit seines Fluges in Köln Wahn zwar mitteilte, bat er sie zugleich, ihn nicht abzuholen. Er fürchtete, wie er sagte, der Flieger könne wegen der langen Strecke Verspätung haben.
Diesmal fügte sich Laura nicht. Sie wollte ihn überraschen. Diese Tage von Boston waren ihr schwerer gefallen als alle Tage zuvor, die sie getrennt verbracht hatten. Gleich nach seiner Ankunft wollte sie ihn in die Arme nehmen, ihn festhalten und nicht mehr loslassen. Angekommen am Flugplatz mischte sie sich unter die Wartenden. Als sie sah, wie die ersten Ankömmlinge begrüßt und umarmt wurden, stieg wieder eine fast schmerzhafte Sehnsucht nach Georg in ihr hoch.
Endlich sah sie ihn. Ein Strahlen überzog ihr Gesicht. Sie hob die Hände und wollte gerade rufend und lachend auf ihn zustürmen. Doch im selben Augenblick stockte sie. Ihr Lachen gefror. Sie sah, dass Georg nicht alleine war. An seiner Seite ging die blonde Assistentin. Lächenlnd hatte sie ihren Arm bei ihm untergehakt. Sie unterhielten sich so lebhaft, dass sie ihre Umgebung kaum wahrnahmen. Dann blieben beide stehen, stellten das Gepäck ab und umarmten sich. Wie gelähmt verfolgte Laura die Innigkeit ihres Zusammenseins, dann das sich Lösen voneiander. Georg zog behutsam den blonden Zopf der Frau vor und drückte sein Gesicht hinein. Er legte ihn zurück auf ihre Schulter und umarmte sie noch einmal, bevor ihre Lippen zu einem nicht enden wollenden Kuss verschmolzen.
Laura war aschfahl geworden. Sie konnte keinen Ton von sich geben. Ihre Stimmbänder versagten. Ihr Herz raste. Sie rang nach Luft. Ein Pflasterstein hatte sich in ihren Brustkorb gebohrt und blockierte alle Funktionen. Eine Winde drehte sich durch ihr Gedärm. Ihr war speiübel.

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