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Rezension Tanz über dem Wasser

Rezension   © Alliteratus 2014

Als erstes war es das Cover, das mich nach dem Buch greifen ließ. Das gleißende Blau des Meeres, das (vielleicht) in das Blau des Himmels übergeht, Lichtstrahlen, nur vage erkennbar, die alles verschwimmen lassen, unsicher machen, wie es später im Text zu finden sein wird.

Am achtzehnten Oktober fand die Party von Hauptkommissar Florian Fichte statt. An-lass war sein Geburtstag. Er war zwar im Mai geboren, aber bisher hatte sich noch keine Gelegenheit zu einer Feier ergeben. Als die ersten Gäste eintrafen, ahnte er nicht, dass es zu diesem Zeitpunkt eine Frau gab, deren Leben ihn bisher nicht berührt hatte, deren Tod und dessen Folgen aber seine Welt erschüttern würden.

 So beginnt der Roman und steckt damit gleich den ganzen Rahmen ab: Mord an einer reichen Frau, bald ein weiterer Mord und mittendrin Florian Fichte, nicht einfach nur ermittelnder Kommissar und Kollege, sondern Privatmensch, Ehemann, Vater und bald auch Geliebter. Bis zum Schluss ist es eine höchst glückliche Verkettung der einzelnen Ebenen, des Krimis, der Liebesgeschichte, des Familienromans. Es sind die zwischenmenschlichen Beziehungen, die den „Tanz auf dem Wasser“ immer wieder aus dem Genre des bloßen Kriminalromans herausheben und ihn zu einer tiefgehen-den psychologischen Studie menschlichen Verhaltens machen, in der kein Raum ist für Verurteilung oder Schuldspruch eines Fehlverhaltens. Und es sind die überzeugenden menschlichen Charaktere, die das Buch so lesenswert, so ehrlich machen, dass man sich immer wieder in der einen oder anderen Episode wiederzuerkennen glaubt und versteht.

Unvermittelt gleitet die Geschichte daher immer wieder in Gedanken und Überlegungen Florian Fichtes in eine tiefere Ebene ab; Dinge, die normalerweise in einem Krimi nichts in diesem Ausmaß zu suchen haben, aber hier macht das überhaupt nichts aus, verleiht im Gegenteil dem Geschehen einen zusätzlichen Reiz:

Liebe! Ein Wort, das sich auflösen konnte wie morgendlicher Nebel, wenn ihm kein Inhalt eingehaucht wurde. Ein schlichtes Wort mit viel Gewicht. Liebe war eine anspruchsvolle Aufgabe, weil sie gelebt sein wollte, Fantasie dazu gehörte, sie zu untermalen und zu erhalten. Liebe wollte bewiesen sein. Selbst wenn sie zu verflachen drohte, sie fiel nicht aus und verirrte sich nicht auf Nebenstrecken.

Aber natürlich verliert man an keiner Stelle aus den Augen, dass es trotz alledem ein Kriminalroman mit einem Mord ist, der die Geschichte beherrscht. Eine reiche alte Frau wird erdrosselt aufgefunden, ganz in der Nähe von Fichte. Bei den Untersuchungen des schwierigen Falles lernt er Barbara kennen, die Tochter der Toten; eine faszinierende Frau, deren Warmherzigkeit und Charme er fast sofort erliegt. Und dann findet ein Mann beim Spaziergang mit seinem Hund einen weiteren Toten, erstochen oder erschlagen. Und bald stellt sich heraus, die Fingerdrücke in der Wohnung der toten Frau sind von dem Toten. Wie hängen die beiden Fälle zusammen? Wer ist Täter, wer Opfer? Wer hat wen ermordet? Gibt es einen Dritten?

Ein faszinierendes Verwirrspiel beginnt, das Florian Fichte in ein enges Handlungsgeflecht führt, dessen Stränge sich aus Lüge, Mord und menschlichen Abgründen zusammenfügen. Vor diesem Hintergrund versucht Florian verzweifelt, mit seinen eigenen, neuen Gefühlen klarzukommen, so dass das ohnehin schon dichte Beziehungsgeflecht ihn zu erdrücken droht.

Nur langsam setzt sich das Bild, was geschehen ist, wie ein Puzzle Stückchen für Stückchen zu-sammen, führt auf den falschen Weg, nimmt zurück, schreitet vor und verliert niemals das Ziel aus den Augen. Lange Zeit sind es zwei Tote und ein Mörder, und Florian verzweifelt fast an der Last der Lösung. Bis zum Ende versteht Renate Lanius den Leser bei der Stand zu halten, geschickt weiß sie ihre Spannungsbögen zu setzen und miteinander zu verknüpfen, sodass man am Ende kaum noch weiß, wie sie sich je auflösen sollen…

Der Fall kommt zu einem ordentlichen Abschluss, aber es bleibt spannend bis zur allerletzten Seite. Der „private Erzählstrang“ bricht an seinem Höhepunkt ab; hier gibt es kein happy ending, auch wenn es nicht ausgeschlossen erscheint. Vielmehr möchte ich das offene Ende so deuten, dass Renate Lanius eine Fortsetzung erwägt, die dann genau da ansetzt, wo dieser Fall aufhört.

Und nichts mehr als das wünscht sich der Leser, Frau Lanius!

(Astrid van Nahl)

 Renate Lanius:  Tanz über dem Wasser

Wurmloch Verlag 2014 • 235 Seiten • 9,95 • ISBN: 978-3-9816337-1-9

http://www.alliteratus.com/pdf/lg_krimizeit20.pdf

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