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Leseprobe „Koko, Mira und …“

Leseprobe zu dem Märchen:
„Koko, Mira und …“

An einem heißen Tag durfte Kolibri sein erstes Bad im See nehmen. InBegleitung seiner Eltern Koko und Catania und unter den neugierigenBlicken vieler Reiter des Stalls trabte er munter auf das Wasser zu.
„Alle Pferde können schwimmen,“ sagte der Reitlehrer. „Die Kleinen strampeln einfach hinter den Großen her. Dann benehmen sie sich wie kleine Kinder.“
Aber es kam anders, ganz anders. Hüpfend vor
Freude, sprang Kolibri zwischen Vater und Mutter zum Wasser hinunter und
plantschte übermütig, dort, wo er Boden unter den Füßen hatte. Dann
wurde es tiefer. Kolibri stolperte, versuchte hoch zu springen, wurde
hecktisch, strampelte aufgeregt zwischen Koko und Catania hin und her
und suchte mit seinen kleinen Hufen den Boden, den er nicht mehr fand.
Bei seinen hilflosen Versuchen, zu stehen, sackte er immer wieder ab,
kam schnaufend nach oben, prustete Wasser, riss die Augen angstvoll auf
und schrie mit schriller Stimme.
Catania schubste ihn von unten, Koko stützte ihn von der anderen Seite.
Aber Kolibri versank immer wieder im Wasser. Dann kam er zum letzten Mal
an die Oberfläche, spuckte Wasser und versank lautlos.
Am Ufer entstand Unruhe. Freude und Spannung wandelten sich plötzlich
in  Hektik und Panik. Alle rannten zum Wasser. Laute Schreie waren zu
hören, spitz und schrill.
„Das Fohlen ertrinkt. Hilfe! Hilfe! So tut doch etwas! Kolibri geht
unter. Er ertrinkt! Seht ihr das denn nicht?“
Kinder schlugen vor Schrecken die Hände vors Gesicht. Reiter rissen sich
die Stiefel von den Füßen und sprangen ins Wasser. Sie kraulten im
Eiltempo auf die Pferde im Wasser zu, um noch rechtzeitig an der
Unfallstelle zu sein. Vielleicht konnten sie Kolibri retten. Vielleicht.
Catania schrie wild auf. Koko blähte die Nüstern und röhrte angstvoll.
Er bäumte sich auf, das Wasser sprizte wie eine Fontäne hoch.
„Koko!“, schrie Elfi vom Ufer. „Koko! Hilf ihm doch! Bitte! Du kannst
es! Ich weiß es. Kookoo!“
Koko hörte die Stimme seiner Herrin. Er spürte, wie verzweifelt sie war.
Er begriff, dass es um das Leben seines Fohlens ging. Er nahm den Ruf in
sich auf und setzte ihn gehorsam wie einen Befehl um. Wild blähte er die
Nüstern, nahm tief Luft und tauchte in den See. Er schwamm unter den
leblos dahintreibenden Pferdekörper und stemmte ihn mit seinem kräftigen
Hals an die Oberfläche des Wassers. Mit dem schlaffen Körper auf seiner
Mähne schwamm er zum Ufer.
Eine aufgeregte Menschenmenge hatte sich versammelt. Alle schrien laut
durcheinander. Frauen und Kinder weinten vor sich hin.
„Kolibri ist tot. Armer, kleiner Kolibri.“
Koko trug ihn ans Ufer und legte ihn vorsichtig im Sand ab.Reitlehrer
Wunderlich stürzte sich auf den kleine Pferdekörper, klatschte ihn mit
den Händen ab und drückte rhythmisch auf seine Brustkorb.
Atemlos, mit Entsetzen in den Augen standen alle übrigen im Halbkreis
und beobachteten schweigend, wie Wunderlich um das Leben des Fohlens
kämpfte.
„Ob er es schafft?“, fragte ein Reiter.
„Laßt ihm Zeit. Stört ihn nur nicht bei seiner Arbeit!“
Wunderlich hatte einen hochroten Kopf. Seine Augen standen vor.
Triefnass von Schweiß waren Hemd und Haut. Aber er ließ nicht nach.
Immer wieder drückten seine Hände auf den kleinen Körper am Boden.
Zwischendurch blies er ihm mit einem kräftigen Atenstoß Luft in die
Nüstern. Dabei sah er ihn beschwörend an.
„Komm schon!“, sagte er. „Nun mach doch endlich! Atme! Spuke! Schreie!
Egal, was du tust. Aber tu um  Himmels Willen irgend etwas!“
Nachdem die Hoffnung, Kolibri noch zu retten, mehr und mehr schwand,
geschah plötzlich das Unglaubliche: Es ergoss sich ein Wasserschwall aus
dem kleinen Maul. Kolibri hustete, prustete, verdrehte die Augen und
versuchte matt, den Kopf zu heben.
„Ja!“, schrie Wunderlich. „Ja! Endlich! Er lebt. Er lebt.“
Wunderlich rieb den kleinen Körper mit Jacken ab. Die Kinder trockneten
ihre Tränen. Catania klapperte noch immer wie ein Holzpferd vor
Aufregung. Und Koko trabte wiehernd um die ganze Gruppe, als riefe er:
„Kolibri! Kolibri!“
Tags darauf brachte die Zeitung einen Artikel:
„Schwalbenkoko von Stall ‚Sonnenstrahl‘ hat in einer dramatischen Aktion
sein Fohlen vorm Ertrinken im See gerettet. Wieder einmal hat Koko
bewiesen, welch außergewöhnliches Pferd er ist!“

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