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Leseprobe „Ich heiße Marlar“

Leseprobe zu dem Elefantenmärchen:
„Ich heiße Marlar und mache einen drauf“

Als Kree sich entfernt hatte, drehte sich der Bulle in aller Ruhe zu mir um.
„Marlar, du bist unerzogen, laut und frech.“
Das traf mich wie ein Hammer. Konnte es denn sein, dass Kree mir erst nach dem Leben trachtete, mich wie irre durchs Gehege jagte und direkt im Anschluss daran Bindu mich beschimpfte? Gekränkt verzog ich mich in meine Nische im Fels und weinte. Ich wollte Trost vom Felsen. Aber er sagte nichts.Vermutlich hatte auch er eine schlechte Meinung von mir.
Ming Jung schlich heran.
„Was ist denn los mit dir?“
„Ich will kein Elefant mehr sein.“
„Aber warum?“, fragte er.
„Alle sind gegen mich. Keiner kann mich leiden.“
„So ein Unsinn. Alle mögen dich.“
„Bin ich laut und frech?“
Jetzt wartete ich auf eine wichtige Antwort.
„Na weißt du…“, wand sich Ming Jung.
„Siehst du. Du hälst mich also auch für unausstehlich. Dabei dachte ich, du seist mein Freund.“
„Das bin ich doch. Und ich denke, du bist ganz in Ordnung!“
„Trotzdem hab ich das Elefantenleben satt!“
Ming Jung starrte mich ratlos an.
„Das sagt man nicht. Was sonst willst du denn sein?“
„Eine Schnecke!“
Jetzt posaunte Ming Jung so laut, dass es in meinen Ohren sauste. Ich
wußte nicht, ob er vor Vergnügen schrie oder empört war. Es war ja auch egal! Bald würde ich eine Schnecke sein.
„So ein Blödsinn!“, schimpfte er.
„Überhaupt nicht. Ich kann mich dann in mein eigenes Haus verkriechen, in dem mich keiner findet und ärgert.“
„So eine dicke Schnecke mit Haus gibt es nicht.“
Ming Jung plazte fast vor Lachen. Und ich tat es auch. Die Vorstellung, eine Riesenschnecke in einem Riesenhaus zu sein, war ja auch zu lustig.
 „Ein Zauberer kann alles!“, sagte ich, ohne wirklich davon überzeugt zu sein.
Ming Jung schwieg. Er stand ratlos vor mir und überlegte wohl, wo ich den Zauberer herholen könnte, ob ich tatsächlich eine Schnecke sein wollte, und wie ich als Schnecke aussehen würde.
„Ach bitte“, sagte er dann weinerlich. „Was soll ich ohne dich machen? Bleib meine Marlar.“

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