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Leseprobe „Ein Puls für zwei Leben“

Leseprobe zum Dreieckroman:
„Ein Puls für zwei Leben“

Das Testament

Es war vor Hannas drittem Geburtstag, als Elena in Roberts Arbeitszimmer
ein nicht verschlossener Umschlag mit der Aufschrift in die Hand fiel:
Meine letzte Verfügung. Sie stutzte; es war seine Schrift. Ein
Testament? War Robert nicht zu jung dazu? Sie zögerte, wollte den
Umschlag zurücklegen, hielt ihn aber fest, von Neugier getrieben, und
öffnete ihn.
Elena begann zu lesen:
„Nach meinem Tod sind Erben: meine Frau Elena und
meine Kinder Wolfrum, Philipp, Daniel und…“
Sie stockte. Was las sie da, was stand da? Sie las es wieder und wieder.
„Meine Kinder Wolfrum, Philipp, Daniel und Hanna!“
Daniel sein Sohn?
„Oh mein Gott, das ist ja furchtbar!“, stieß sie hervor.
Er hatte einen dritten Sohn. Das Kind dieser Sekretärin. So war das
also. Elenas Herzschlag pochte in den Schläfen. Das Zimmer drehte sich
um sie.
„Raus hier“, war ihr einziger Gedanke, „nichts wie raus!“
Sie stürmte ins Schlafzimmer, stopfte wahllos Kleidungsstücke in eine
Reisetasche und riss Mantel und Handtasche an sich. Sie wollte zu ihren
Eltern, weg von Köln, weg von diesem Haus.
„Geben sie Acht auf Hanna!“, rief sie Erna zu.
Erna nickte, wenn sie auch nicht verstand, was los war. Elena ließ den
Wagen stehen. Nicht auch noch einen Unfall! Stattdessen nahm sie ein
Taxi zum Bahnhof, von dort den Zug nach Trier.
Ihre Eltern würden es nicht glauben. Daniel- sein Sohn! Ein Jahr älter
als Hanna. Diese bodenlose Gemeinheit. Wie konnte er es wagen. Alles
Ungereimte war nun klar. Und sie hatte sich Sorgen gemacht über sein
abgespanntes Aussehen, über seine Gesundheit. Das also war des Rätsels
Lösung. Hatte sie es nicht geahnt? Manchmal? Daher also ihre Eifersucht,
deren sie sich oft geschämt hatte. Ihr siebter Sinn hatte sie nicht
getäuscht. Ungerecht war sie sich vorgekommen und kleinlich. Wo Robert
doch so großherzig war. Sie hatte jeden aufkommenden Verdacht sofort
verdrängt! Nicht darüber nachdenken wollen! Einem solchen Verdacht hatte
sie sich einfach nicht überlassen wollen. Jetzt mußte sie der Tatsache
ins Auge sehen. Zerstört fand sie, wofür sie gelebt hatte, woran sie
geglaubt hatte. Ihr Vertrauen, ihre Liebe waren mißbraucht, ihre Würde
beschmutzt. Jahre an der Seite eines Mannes, den sie garnicht kannte.
Wie naiv war sie gewesen. Hatte ihn geliebt, Robert- den Fremden. Einen
Mann mit einem Doppelleben. Zwei Frauen. Eine davon war sie.
„Mein Sohn Daniel“, hieß es in seinem Testament. Auf einen Zettel hatte
Elena genau diese drei Worte geschrieben:
„Mein Sohn Daniel.“
DiesenFetzen Papier hatte sie auf Roberts Kopfkissen gelegt. Er würde wissen,
was das hieß. Es würde ihn ins Mark treffen. Aber das war nicht mehr
ihre Sache.Sie hatte ihre Ehe für einmalig gehalten. Jetzt war sie
geschrumpft auf Boulevardniveau: Erfolgreicher Anwalt, Geliebte,
hintergangene Ehefrau. Fehlte bloß noch ein Interview in der
Klatschspalte einer Illustrierten.
Ein Seitensprung, eine einmalige Verfehlung war verzeihbar. Aber ein
jahrelanges Verhältnis, aus dem ein Kind hervorging? Das war kein
Stolpern im Vorbeigehen, keine kleine Episode. Das war eine zweite
Familie, eine Zweigstelle der Ehe. Dafür gab es keine Verzeihung.
Ausgerechnet Robert hatte immer Spielregeln angemahnt. Aber unbequeme
Regeln galten anderen, nicht ihm. Wie schön, die biegsame Moral eines
findigen Kopfes. Und nun? Im freien Fall stürzte er ab, direkt in die Hölle.
Wie auch immer es zu dieser Katastrophe gekommen war, welche Dinge sie
ausgelöst oder begünstigt hatten, es blieb Verrat an ihr, an ihrer
Liebe, an seinen Kindern. Unvorstellbar, dass seine Hände und Lippen den
fremden Körper ebenso bewandert hatten wie den ihren, Hügel und Täler
der anderen Weiblichkeit gleichemaßen liebkost hatten, um am Ende
seinenWanderschaft in der von Lust durchpulsten Tiefe zu versinken.

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