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Die Nacht des Bettlers

Die Nacht kriecht diebisch abwärts, schlingt graues Tuch um die schlafende
Stadt,  legt sich feucht und kühl über Rasen und Stein, hüllt Fluss und Ufer
gespenstisch ein. Die Stille ist voller Melodie.

Ein Bettler schnarcht auf der Bank am Strom. Verfilzter Schopf. Struppiger Bart
im  blassen Gesicht. Verdreckte Schuh. Zerlumpter Stoff. Auch dieser Mann hat
eine Illusion: die leere Flasche in der Hand.

Die Bank am Rhein ist sein Lager, Nacht für Nacht. Abgerutscht. Von ganz oben
nach ganz unten. Nur Träume gaukeln noch vom Glück, von Vergangenem, wie
es einmal war, als er noch lebte, vor seinem Tod.

Ja, ganz oben hatte er gestanden. Bewundert, verehrt, beneidet, begehrt.
Wallende Röcke. Lockendes Weib. Rote Lippen, feuchter Kuss. Es wurde
getanzt, geliebt und getrunken. Es perlte der Sekt. Es toste Applaus.

Doch dann: Campari zum Frühstück, des Mittags Bier, Whisky als Abschluss, wie
ein Gebet. Die Ehe ertrank in Bitternis. Umsonst.  Er tobte, schrie und schlug
die verstörten Kinder.

Dann lief die Frau davon, nahm ihm Tochter und Sohn. Freunde gingen. Halt
und Inhalt zerrannen. Wohnung und Job waren nicht zu halten. Wegkreuz. Es
folgte der Schritt auf die Straße, dem Sog nach. Verfall, innen wie außen.

Das Bett am Ufer ist ihm geblieben: Die Bank. Verlässlich und hart. Auf dem
Pflaster die Kappe und die hingehaltene Hand nähren den Hunger des Blutes.
Doch  Gier lässt sich nicht stillen.

Schelte und Häme von denen, die vorbeiziehen. Worte zertrümmern wie
Steine.
Daunen aus Nebel. Oder silberner Glitzer der Sterne. Bei Regen schützt
die Brücke. Flüstern des Wassers. Gestank nach Moder. Fledermäuse schlagen.
Eine Katze schreit.

Nächtlicher Wind, sein Gefährte. Gut, wenn er schweigt. Doch manchmal singt
er sein dunkles Lied:
Du durftest wählen, du ganz allein.

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