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Der Wind

Der Wind

Lange schon trug der Wind sein Lied um den Giebel meiner Burg.
Er war mein Freund. Ich verstand seine Sprache.
Eines Tages bat ich ihn:
Da Pflichten mich an diesen Ort fesseln, erfülle mir einen Wunsch:
Umkreise du den Erdball. Berichte mir, von all dem, was in nahen und fernen Ländern geschieht.
Wenn du die Welt erkannt hast, dann kehr zurück.
Der Wind sagte zu und machte sich auf die weite Reise.

Er berührte den Mohn auf den Feldern Afghanistans,
roch das Blut auf dem Platz des Himmlischen Friedens,
hörte den klagenden Ton der Glocken von Hiroshima und Nagasaki,
weinte um spielende Kinder auf verseuchtem Boden von Fukushima.
Er erschrak über den Lauf der Waffe in der Hand einer schwarzen Witwe.
Er umkreiste trauernde Hügel aus Stein: Sie hatten Liebende erschlagen.
Entsetzt spähte er in die Kammern mordender Despoten.
Fische mit zwei Köpfen starrten ihm entgegen,
ölverschmierte Kormorane verendeten an Stränden.
Flüsse schrien. Meeresgründe ächzten.

Als der Wind zurückkam,
klopfte er leise an, matt, ohne altgewohnte Kraft.
Eine blutige Spur folgte ihm, bis hin zu mir.
Hören und verstehen,  sich verschließen,
wegsehen, wegfühlen: Fluch und Gnade zugleich.
Doch die Teufelsfratze war enthüllt.

Der Wind und ich, wir sahen uns an:
Wir waren beide grau geworden.

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