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Leseprobe ‚Das Flüstern der Sterne‘

Fichte saß grübelnd an seiner Staffelei. Sie war sein Ruhepunkt, seine Heimat. Er malte seit seiner Jugend in jeder freien Stunde. Öl auf Leinwand. Wasserfarben waren ihm zu blass, zu wenig spektakulär. Oft trug er mehrere Schichten verschiedener Farben auf, bis er den Effekt erreichte, den er suchte. Seine Bilder leuchteten in grellen Farben oder erstarben in traurigen Grau. Er kleidete Freude, Ärger und Melancholie in Farben.
An seiner Staffelei kamen ihm die besten Ideen. Hier löste er manchen seiner Fälle oder baute Frust ab. Mit seiner Leinwand teilte er Freude und Kummer. Hier fand er sich selbst.
Im Zimmer roch es nach Farbe. Er öffnete das Fenster, sah hinaus und atmete einmal tief durch. Zurück an seiner Staffelei, zog er die letzten Pinselstriche. Ein dunkler Baum, ohne Rinde, ohne Blätter, mit starren, seitwärts gerichteten Ästen, vor gelb bis rot leuchtendem Hintergrund. Ein Betrachter musste annehmen, Sonne und Mond seien zur gleichen Zeit aufgegangen und wetteiferten am Himmel mit einem Feuerwerk von buntschillernden Farben.
Das Mischen von Farben war Fichtes Spezialität. Es entstanden Färbungen, auf die kein Name zu traf. Die Namenlosen waren die Schönsten und hatten etwas Exotisches. Sein Baum war ohne Gesicht, ohne Identität, weder eine Trauerweide oder eine Eiche noch eine Eibe oder Tanne. Unerkannt wie der Samen des Spenders, den man in der Scheide der toten Frau gefunden hatte. Ein Brief ohne Absender.
Ein kleiner Erfolg war immerhin zu verbuchen. Die DNA-Analysen von Samen und Fötus waren identisch. Der Erzeuger des Kindes hatte also kurz vor dem Tod von Sarah Brand mit ihr geschlafen. So weit war man. Aber wer war dieser Mann? Wo steckte er? War er auch der Mörder? Wenn ja, warum brachte er die Frau um, die ein Kind von ihm erwartete?
Nach wie vor hielt Fichte es für möglich, dass Sarah den werdenden Vater erpresst haben könnte. Oder ihr Mann war dahinter gekommen, dass sie einen Liebhaber hatte, und hatte sich ihrer entledigt. Beide Variationen schienen ihm glaubhaft. Auch die maßlose Eifersucht der Blum konnte Sarah zum Verhängnis geworden sein. Wie schön, wenn Mörder häufiger sagen würden: Hier bin ich. Ich war es. Aber dann wäre er arbeitslos, und das Leben würde ihn langweilen.
Der Baum gefiel ihm. Er war so vollkommen unvollkommen. Unvollkommenes barg Hoffnung, die Hoffnung, vollkommen zu werden. Und Werden war Leben.
Angenommen, der Vater des Kindes war nicht der Mörder: Warum meldete er sich nicht? Warum schaltete er nicht die Polizei ein? Hatte er Sarahs Abwesenheit überhaupt bemerkt? Vielleicht wusste er nichts von dem Drama. Öffentlich war nur, dass am Rheinufer die Leiche einer Frau gefunden worden war. Keine weiteren Details, außer, dass die Ermittlungen liefen. Ja, und sie liefen verdammt schlecht.
Sein Handy brummte.
„Hallo?“
„Fichte, wir haben Stofffasern an dem Knopf gefunden.“
„Dem Knopf?“ Welchem Knopf, schoss es ihm durch den Kopf.
„Den die Tote in der Hand hielt.“
Wieder überfiel Fichte die vage Erinnerung, etwas gesehen zu haben, etwas, das er sich hatte merken wollen, weil es ihm einen Augenblick lang wichtig erschienen war. Aber was war es gewesen? Und wo, zum Teufel?
„Ich erinnere mich, wenn auch nur dunkel. Und was hat es damit auf sich?“
„Das Material stammt von einem Lodenmantel.“
„So. Farbe?“
„Grau.“
Hatte er nicht einen grauen Lodenmantel gesehen? Verdammt noch mal, wo war es gewesen?
„Herren- oder Damenmantel?“
Am anderen Ende der Leitung war lautes Gelächter zu hören.
„Tolle Frage, Fichte. Jetzt ist Ihr Job gefragt.“
Auch Fichte lachte. In den kalten Monaten war die Stadt voller Lodenmäntel. Sogar in Grau. Er sah sich schon durch die Straßen laufen.
„Gestatten, mein Herr, Sie tragen einen grauen Lodenmantel. Würden Sie bitte den Mund öffnen. Ich brauche einen Speicheltest von Ihnen.“
Vielleicht sollte er mal loslaufen. Das würde ihm allerdings keinen Mörder einbringen, sondern eine bissige Notiz in der Presse. Um einen Sexualmord aufzuklären hätte ein großangelegter Speicheltest vielleicht Erfolg. Aber hier lag kein Sexualmord vor. Möglicherweise nicht einmal eine Straftat.
Fichte betrachtete seinen Baum. Das namenlose Gewächs. Namenlos wie vieles. Er wippte auf seinem Stuhl hin und her. Ja, er würde einen Test auf freiwilliger Basis veranlassen. Bei allen Männern zwischen sechzehn und siebzig Jahren aus Sarahs Umgebung. Und wenn es eine Frau war? Aber da war der Samen. Er könnte natürlich auch alle Herren im grauen Lodenmantel bitten:
„Verzeihung, mein Herr, Sie tragen einen grauen Lodenmantel. Lassen Sie die Hose bitte fallen, ich brauche nur Ihren Samen.“
Damit wäre ihm ein Platz in der Psychiatrie sicher.

 

 

 

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