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Leseprobe „Atem des Feuers“

Leseprobe zu dem Kriminalroman:
„Atem des Feuers“

Im Polizeipräsidium Köln.
„Nehmen sie Platz, Herr Uwe Carls. Student im dritten Semester? Richtig?“
Salomons helle Augen hefteten sich auf den Mann vor sich. Blond,
hochgeschossen, etwas schüchtern, sehr sympatisch, blaues Veilchen am
rechten Auge mit erheblicher Schwellung der Umgebung, Verband an der
linken Hand.
„Genau“, antwortete dieser, gehorsam wie ein Schüler.
„Geboren am 16.12.1985 in Köln, wohnhaft Liebermannstraße, 50933 Köln.
Korrekt?“
„Stimmt!“
„Also, Herr Carls. Ich habe das Protokoll ihrer Aussage gelesen. Wie
kommen sie zu der Annahme, ihr Unfall stehe in irgendeinem Zusammenhang
mit dem Tod von Herrn Arndt?“
„Mein Unfall war zur Mordzeit. Außerdem in der Nähe des Verbrechens. Das
macht doch stutzig!“
Salomon schmunzelte verständnisvoll, aber zugleich warnend.
„Sie waren gründlich alkoholisiert, haben sie eingeräumt. Aussagen
solcher Zeugen sind unbrauchbar.“
„Meine Uhr ist durch den Sturz stehen geblieben, kurz vor 23.00 Uhr.
Meine Uhr war nüchtern.“
Salomon überhörte mit väterlicher Nachsicht den spöttischen Unterton und
tauschte mit seinem Kollegen Ungemach einen Blick. Die Aussage war
eigentlich interessant, sagte er sich. Dunkler Wagen, Kennzeichen
K-BL….Jetzt die Uhrzeit. Das paßte ins Gesamtbild. Klang plausibel.
„Würden sie den Mann wiedererkennen?“
„Nicht mit Sicherheit.“
„Probieren wir es einfach!“
Er legte ihm diverse Fotos vor. Aber Uwe Carls zögerte erwartungsgemäß.
Weder: „Der war es!“, noch: „Der war es nicht!“ Er konnte sich nicht
festlegen. Alkohol und Dunkelheit waren schlechte Kumpane eines Zeugen.
„Ein großer Mann?“
„Ein Kopf größer als ich.“
Wenigstens etwas!
„Akzent?“
„Keiner.“
Noch etwas! Jetzt hakte Salomon nach:
„Ist ihnen an der Kleidung etwas aufgefallen? Mantel, Schal,
Kopfbedeckung oder sonst irgend ein Teil an ihm? Überlegen sie erst.
Meist stößt man rückblickend auf eine Kleinigkeit, die für uns wichtig
sein kann.“
Der junge Mann dachte nach. Es wollte ihm zunächst nichts einfallen.
Aber dann plötzlich:
„Ja! Er trug eine Krawatte mit kleinen, gelben Elefanten. Das ist mir
aufgefallen, weil es so ungewöhnlich ist und sie in der Dunkelheit wie
kleine, helle Flecken leuchteten. Krawatten sind sonst immer
einfallslos, irgendwie gestreift.“
Großartig, lachte Salomon innerlich. Ein wahrhaft fetter Hinweis! Nach
kleinen, gelben Elefanten als Krawattenmuster hatte er bisher noch nicht
gefahndet.
„Sie haben zu Protokoll gegeben, der Mann sei verdächtig
gewesen.Warum?“, fuhr er in seiner Befragung fort, ohne seine Genugtuung
über das Design der Krawatte preiszugeben.
Bevor Uwe Carls antworten konnte, steckte eine junge Kollegin den Kopf
durch die Tür:
„Unten wartet eine Dame auf sie.“
„Frau Arndt?“
„Nein. Eine Frau Schiffer.“
„Schiffer? Und, was will sie?“
„Eine Aussage machen zum Fall Arndt.“
„Ich bin mitten in einer Zeugenvernehmung. Kann das kein anderer
übernehmen?“
„Sie will nur zum Hauptkommissar. Es sei sehr wichtig. Sie sei eine
Zeugin und zur Tatzeit vor Ort gewesen.“
„Das hat sie gesagt? Donnerwetter! Dann haltet sie fest, bis ich das
Gespräch mit Herrn Carls beendet und Frau Arndt gesprochen habe. Klar?“
Salomon krazte sich am Haaransatz und wiegte den Oberkörper hin und her.
„Worauf warten sie noch?“
Er war genervt, wollte weiter machen, keine Zeit verlieren. Diese Frau
Schiffer interessierte ihn ganz enorm.
„Okay, Chef!“, entschuldigte sich die junge Frau und zog die Tür hinter
sich zu.
„Wo waren wir stehen geblieben? Ach ja! Der Mann mit dem Mercedes schien
ihnen verdächtig. Gibt es einen Grund dafür?“
„Seine Eile. Er rannte förmlich auf mich zu, nachdem er zuerst gezögert
hatte.Und von der Polizei wollte er nichts wissen. Bloß nicht, meinte
er. Dafür wollte er meine Fahne auch verschweigen. Ist das nicht
verdächtig? Und hier! Diese Scheine: 300,00 Euro! Einfach zugesteckt!
Wie ein Schweigegeld. Wenn das nicht stinkt. Ich hatte gar nicht nach
Geld gefragt. Ich war froh, dass ich noch lebte.“
Das war ein Ding! Dieser junge Mann war in Geld nicht aufzuwiegen!
Salomon kaute auf seiner Unterlippe. Das kam vor, wenn er aufgeregt war
und nachdachte.
„Würden sie uns ihre Uhr und die Scheine überlassen? Vorrübergehend
natürlich. Sie erhalten eine Quittung; später kommt alles zurück.“
Uwe Carls grinste.
„Fingerabdrücke, nicht wahr? Aber meine sind auch drauf!“
„Das wissen wir. Auf dem Geld werden viele sein. Trotzdem! Einen Versuch
ist es wert. Wenn wir noch weitere Fragen haben, kommen wir vielleicht
erneut auf sie zu.“
Dann nach kurzer Pause:
„Noch eines: Haben sie an dem Abend Brandgeruch festgestellt? Rauch
gesehen?“
„Nein!“
„Sind sie Raucher?“
„Nichtraucher! Die Frage kommt aber ziemlich überraschend!“
„Wir sind eben nicht langweilig! Danke vorerst für ihr Kommen und ihrer
Mithilfe.Und merken sie sich: Kein Alkohol mehr im Straßenverkehr! Auch
nicht per Fahrrad! Das kann sie den Führerschein kosten. Verstanden?“
„Klar doch!“

an anderer Stelle:
„Es ist vorbei, Richard.Ich liebe dich nicht mehr. Du kannst einen Schlüssel
verlieren, wiederfinden und einstecken, als wäre nichts gewesen. Aber ver-
lorenes Vertrauen bleibt verloren. Es ist nicht zurückzugewinnen. In jener
Nacht hast du alles zerstört. Ich habe in einem einzigen Augenblick begriffen,
für dich nur ein Gegenstand gewesen zu sein. Wie eine Zahnbürste oder ein
Kamm. Ein Ding von vielen, die man in Gebrauch hat.
Du hast mich geteilt mit anderen. Ich aber teile nicht: nichts und niemanden.
Das hättest du wissen müssen. Dein Zuhause war der Reitstall. Mit den Menschen
dort hast du gelebt. Mit ihnen hast du gelacht und gesprochen. Nicht mit mir.
Alles was du brauchtest, hast du da gefunden: Abenteuer, Berater, Zuhörer und Bewunderer.
Du hast dich mit diesen Leuten ausgetauscht. Einfach alles hielt der Stall für dich
bereit: den Atem zum Leben.
Weißt du überhaupt etwas von mir, was ich denke, wie ich fühle? Kennst du mich?
Wofür brauchtest du mich? Ja, zum Briefkasten leeren. Um den Eisschrank zu be-
stücken. Um dein Bett zu wärmen, wenn nichts anderes parat war. Das genügt mir
nicht. Ich nehme ganz und gebe ganz. So wollte ich auch dich ungeteilt. Als Partner
für alles, was Menschen verbindet. In deine Pläne wollte ich eingebunden sein, deine
Gedanken teilen, deine Sorgen tragen, mit dir lachen und weinen, mit dir die Sterne
zählen und träumen.“
„Du kannst träumen?“
Ein ungläubiges Lächeln erschien auf Leonies Gesicht. Sie hatten zwei Jahre miteinander
gelebt, Tisch und Bett geteilt, sich aber nicht kennengelernt. Das Recht eines jeden Menschen
auf ein eigenes Lebensgeheimnis hatten sie falsch interpretiert. Es war nicht die innere
Insel mit dunklen und hellen Feldern geblieben, mit den geheimsten Wünschen, die jedem
zustand. Sie hatten vielmehr ihr kleines, ganz privates Atoll, das unverletzbare Paradies
ihrer Seele, wie eine Burg gegen feindliche Angriffe ausgebaut. Nicht einmal eine Scharte
in der der Mauer hatte Einblick in des anderen Bereich gewährt.
Sollte Partnerschaft nicht Hingabe ohne Aufgabe sein? Eins werden, aber zwei bleiben.
Ineinander fließen, aber erkennbar bleiben.

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